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Foto: Junius Verlag

Buchbesprechung: Degrowth/Postwachstum zur Einführung

Die Ausgangsdiagnose der Postwachstumsbewegung ist eine vermeintlich einfache und altbekannte: Unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem basiert auf Wachstum, und unendliches Wachstum ist auf unserem begrenzten Planeten nicht möglich. Und dennoch konzentiert sich eine breite Mehrheit in der Gesellschaft - Wissenschaft, Unternehmen, Politik  und auch Ziviligesellschaft – nach wie vor darauf, innerhalb der bestehenden kapitalistischen Wirtschaftsordnung jene Schrauben zu identifizieren, an denen nur ein wenig gedreht werden müsse, um das Wachstum fortan grün oder nachhaltig gestalten und unsere Lebens- und Wirtschaftsweise weiter aufrechterhalten zu können.

Bei den tatsächlichen Alternativen, die nicht auf auf stetigem Wachstum basieren und denen sich dieses Buch widmet, geht es vor allem um die große Frage, wie eine umfassende gesellschaftliche Veränderung gelingen kann? Dabei skizzieren die beiden Autor*innen zunächst die Vision einer tatschlich nachhaltigen und eben vom Wachstum befreiten Wirtschaft und Gesellschaft. Sie zeigen, dass das Unbehagen mit und die Kritik am Wachstum bereits weit in die Geschichte der Sozialwissenschaften zurückreichen. In einer kurzen Einführung in die Geschichte des Wachstumsparadigmas wird unter anderem seine ideologische Funktion und seine Rolle als, wie sie schreiben, “säkulares Erlösungsversprechen des Kapitalismus” kompakt dargestellt. Im Anschluss folgt ein umfassender Überblick über die verschiedenen Ansätze und Strömungen der wissenschaftlichen, aber auch politisch und aktivistisch motivierten Wachstumskritik. Insgesamt sieben verschiedene Argumentationslinien werden darin übersichtlich aufbereitet: die ökologische, die sozio-ökonomische, die kulturelle, die Kapitalismus-, die feministische, die Industrialimus- und die Süd-Nord-Kritik. Bei der Lektüre wird zunehmend deutlich, was die beiden Autor*innen bereits eingangs klarstellen: Bei Postwachstum handelt es sich um ein “Zusammendenken verschiedener Stränge der Gesellschafts- und Wachstumskritik […], die aus unterschiedlichen Perspektiven die Steigerungsdynamiken der Gesellschaft analysieren”.   

Auch wenn die konkrete Ausgestaltung vieler Vorschläge unklar bleibt, geht dieses Buch hier etwas mehr in die Tiefe, und beschreibt einige, bereits jetzt umsetzbare und notwendige erste kleine Schritte, die allein durch ihre beispielgebene Funktion wichtig sind. Dabei handelt es sich um jene “Versuchslabore”, die auch der britische Soziologe Erik Olin Wright, auf den sich die beiden Autor*innen wiederholt beziehen, in seinem vor wenigen Jahren auch auf deutsch erschienen Buch “Reale Utopien” als unabdingbare Voraussetzungen einer gesellschaftlichen Transformation benannte. Weiterführend werden zehn Politikvorschläge präsentiert, darunter eine radikale Verkürzung von Arbeitszeit, die Ablösung des BIP als zentralen Indikator für wirtschaftlichen Erfolg, Schuldenschnitte für Einkommensärmere, Obergrenzen für Ressourcennutzung sowie ein Grund- und ein Maximaleinkommen. Ein Grunddilemma der Debatte ist jedoch nach wie vor ungelöst: Zwar wissen wir, dass Wachstum nicht nachhaltig ist, jedoch führen Null- oder Negativwachstum – zwei Begriffe, die bereits zeigen, wie hegemonial die Wachstumsfixierung unser Weltbild prägt – unter den gegenwärtigen Bedingungen unweigerlich in die Krise, etwa zum Niedergang unserer Güterversorgung oder unserer Sozialsysteme. Dennoch macht das Buch auch Mut für Veränderung. Denn diese ist möglich, schließlich basiert die Wachstumsgesellschaft immer auch auf der Zustimmung der breiten Massen. Bücher wie dieses tragen nicht nur zur Bewusstseinsbildung bei, sie inspirieren dazu, sich auch gegen Widerstände für Alternativen stark zu machen und auch die politischen Eliten verstärkt in die Pflicht zu nehmen! Erschienen ist es im heurigen Frühjahr im Junius Verlag.